Erzählprojekt

Willkommen im Wortraum oder hier gibt’s was auf die Ohren
Sprachkompetenz durch Märchen erzählen

 

Märchen erzählen? In der Sekundarstufe I und II? Diese Erzählform ist doch eher etwas für kleine Kinder und alte Menschen. Märchen gehören in die Familie, den Kindergarten, in die Altenheime und sie passen gut in die Weihnachtszeit.
In der Schule braucht man sie, um sich didaktisch mit der Literaturgattung zu befassen, Grammatik, Rechtschreibung und Aufsatzlehre darin zu üben und die Lese- und Schreibkompetenz zu verbessern.
Doch im Erzählprojekt wird nur erzählt! Ein professioneller Erzähler oder eine professionelle ErzählerIn entfaltet jede Woche eine Schulstunde lang Märchen, Sagen, Mythen und Geschichten. Die Unterrichtsstunde ist fest im Lehrplan verankert.
Das Lernen geschieht dabei nebenher und ist doch so vielfältig, dass es die Erzähler immer aufs Neue fasziniert.
Die Heinrich-Drake-Schule in Lemgo ist eine Hauptschule mit integrativen Lerngruppen, in deren „normalen“ Klassen bis zu sieben Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen sonderpädagogischen Förderschwerpunkten unterrichtet werden. Seit fast 2 Jahren gehört die Schule zum Sprachprojekt „Lippe erzählt“.
Dabei handelt es sich um ein Projekt zur Förderung der Erzählsprache, in das nach und nach Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführende Schulen eingebunden werden sollen. Das Konzept wurde aus Berlin adaptiert, wo im Rahmen des Erzählprojektes „ErzählZeit“ besonders die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund angesprochen werden. Tatsächlich erreicht das künstlerische Erzählen aber alle Kinder und kann in jeder Bildungseinrichtung ohne besondere technische Voraussetzungen kostengünstig umgesetzt werden.
In der HDS profitieren nun alle Kinder einer Klasse vom Erzählprojekt. Getragen wird das Konzept von professionellen Erzählerinnen und Erzählern, die Schülerinnen und Schülern eine bilderreiche und anspruchsvolle Sprache präsentieren und sie dazu ermutigen, sich in dieser Sprache selbst zu üben.
In der Heinrich-Drake-Schule wird derzeit in acht Klassen erzählt. Die Gruppen treffen sich in einem separaten Raum, in dem es einen Stuhlhalbkreis gibt mit viel Raum zum Spielen. Jede Erzählstunde beginnt und endet mit einem festen Ritual.
Zwei Erzähler erzählen fast jedes Mal eine neue Geschichte. Selten sind es die bekannten Märchen der Gebrüder Grimm oder die von Hans Christian Andersen. Vielmehr sind es die eher unbekannten Geschichten und Märchen aus aller Welt und aus den unterschiedlichsten Kulturen, die den Kindern erzählt werden. Die Einblicke in die verschiedenen Kulturen und ihre Erzählformen erhöhen die gegenseitige Akzeptanz und sind ein hoffnungsvoller Weg zur Integration und Verständigung.
Die Probleme, Sorgen und Nöte der Zuhörer werden in den Märchen direkt aufgegriffen und es werden Lösungswege mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Kinder still werden, gebannt  zuhören und fast sichtbar für den Erzähler Bilder in ihren Köpfen entstehen lassen. Nur sehr sparsam werden Bilder oder Requisiten eingesetzt, um der Fantasie freien Lauf zu lassen. Die Konzen-trationsfähigkeit wird maßgeblich gesteigert und ist gerade bei sonst unruhigen Schülerinnen und Schülern erstaunlich. Kreativität und Fantasie nehmen zu und manifestieren sich in einem neuen Sprachgebrauch.
In der darauffolgenden Stunde werden die Märchen aufgegriffen und von den Schülerinnen und Schülern auf unterschiedliche Weise bearbeitet. Sie werden in Bildern dargestellt, es wird dazu aus Papier geformt oder gebastelt. Die Erzählungen werden mündlich wiedergegeben – in langen und kurzen Versionen. Besonders beliebt  und mit Wettkampfcharakter ist das Spiel: „Erzähle das Märchen in fünf Sätzen!“  Weiterhin werden die Märchen gespielt oder pantomimisch dargestellt und zeigen die schauspielerischen Fähigkeiten.
Die Erzähler, das sind auch die Schülerinnen und Schüler, stellen ebenfalls Quizfragen zu den Geschichten zusammen oder führen Interviews mit den Personen, Tieren und Gegenständen aus den Erzählungen. Gern wird auch aus der Sichtweise einer Person, eines Gegenstandes oder eines Märchenwesens erzählt.
Auch ganz neue Geschichten entstehen durch das „Erzählen am weißen Tuch“. Ein schlichtes weißes Bettlaken oder eine Tischdecke hängt an der Tafel; Erzähler und Zuhörer überlegen gemeinsam, was auf diesem Tuch Märchenhaftes zu sehen ist. Fünf bis sechs Dinge (Lebewesen, Gegenstände usw.) werden benannt und daraus wird spontan eine Geschichte entwickelt. Die Vielfalt der so entstandenen  Geschichten ist erstaunlich.
Worin besteht nun der Lerneffekt und was begeistert die Kinder an dieser Art des Unterrichts? Uns wird immer wieder zurückgemeldet, dass die Erzählstunden so beliebt sind, weil keine Leistungen eingefordert werden. Niemand muss erzählen, Fragen beantworten oder sonst wie agieren, aber nach kurzer Zeit möchte es jeder. In den ersten Erzählstunden überwiegt mehr oder weniger die Skepsis bei den Kindern, weil sie das Märchenerzählen auch eher im Kindergarten oder im Kinderprogramm des Fernsehens ansiedeln. Doch die Begeisterung, sich im Märchen darzustellen, es zu präsentieren und daran mitzuwirken, wächst von Stunde zu Stunde. Manchmal möchten gar alle gleichzeitig aktiv sein und das stellt die Erzähler vor besondere Herausforderungen.
Die Mädchen und Jungen lernen spielerisch das freie Sprechen, Darstellen und Präsentieren vor der Gruppe. Dabei ist nach einiger Zeit auch nicht mehr wichtig, ob die Gruppe bekannt oder fremd ist. Schüler  der Heinrich-Drake-Schule haben z.B. am „Tag der offenen Tür“ im Kreishaus des Kreises Lippe erzählt und die Zuhörer begeistert. Sie haben mit ihren Geschichten die Weihnachtsfeiern von Schülern und Lehrern bereichert.
Die Sprache der jugendlichen Erzähler entwickelt sich dabei mehr oder weniger rasant. Die Erzählsprache der professionellen Erzählerinnen wird beinahe wörtlich aufgenommen, der Wortschatz vergrößert sich, wird treffender und die Satzbildung komplexer.
Schülerinnen und Schüler, die im normalen Unterrichtsgeschehen durch schlechte Leseleistungen und Wortbeiträge auffallen, sprechen frei und verständlich in ganzen Sätzen. Der lebendige Umgang mit dem Märchen sensibilisiert für andere Literaturgattungen und führt zum schnellen Erkennen der gemeinsamen und unterschiedlichen Strukturen.
Die Leistungen wirken sich positiv auf die Deutschzensuren aus. Im letzten Schuljahr hatte keine Schüler der Projektklassen eine mangelhafte Zensur im Fach Deutsch auf dem Zeugnis.
Nebenbei findet  das soziale Lernen statt. Es wird aufmerksam und ruhig zugehört, beim Erzählen wird mit dem Partner abgewechselt, im Spiel wird miteinander agiert. Emotionen können beim Erzählen oder im Spiel ausgelebt werden, ohne eine Person direkt anzugreifen oder zu verletzen. Ganz erstaunlich: die Schülerinnen und Schüler suchen sich fast immer die passende Rolle zu ihrer Befindlichkeit aus. Die Schülerinnen und Schüler mit Förderschwerpunkt können sich nach ihrem Entwicklungsstand einbringen.
Die Wirkung durch das Erzählprojekt ist in allen Fächern spürbar, wie die Rückmeldungen der Fachlehrer ergeben. Die Schülerinnen und Schüler der teilnehmenden Klassen sprechen freier und können Sachverhalte besser beschreiben oder darstellen. Sie können ihre Arbeitsergebnisse gut präsentieren und miteinander diskutieren.
Der Sprachzuwachs durch das Märchenerzählprojekt ist so deutlich, dass die Schulkonferenz der Heinrich-Drake-Ganztagsschule beschlossen hat, das Märchenerzählprojekt auf alle Klassen 5, 6,7  und 8 auszuweiten und im schulinternen Curriculum verpflichtend festzuschreiben.

Im Schuljahr 2012/13 werden an der HDS 8 Klassen im Sprachprojekt “Märchen“ gefördert.
Als Erzähler sind zwei Lehrkräfte der HDS tätig und zwei professionelle Erzähler. Die Besetzung in den Gruppen erfolgt stets mit zwei Erzählern, die sich in der Erarbeitungsphase gegenseitig unterstützen. Außerdem verhindert die Doppelbesetzung, dass im Krankheitsfall die Sprachförderstunde ausfällt.
Ein professioneller Erzähler betreut zusätzlich eine AG im Nachmittagsunterricht und eine AG zur Berufsvorbereitung.
 

 
 
:::Heinrich-Drake-Schule Lemgo:::